Volksschule Meelbeckstraße - siehe auch -

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gab es in Gumbinnen wohl eine höhere Provinziallehranstalt, die Friedrichsschule, aber für die minderbemittelten Stände bestand keine einheitliche Schule.

Im Laufe der Zeit waren vielmehr sieben verschiedene einklassige Zwergschulen entstanden:
1. eine Töchterschule,
2. die Kleinsche Schule,
3. die Hofheinzsche Kirchschule,
4. die Schule des Oberüber,
5. die des Säbel,
6. die Reimannsche Schule und
7. die Schule des Quednau.

Das Unterrichtswesen muss der Stadt damals wohl nicht sehr am Herzen gelegen haben; denn sonst wäre die Regierung nicht am 28. Oktober 1811 sehr energisch für eine Besserung auf diesem Gebiete eingetreten und hätte der Stadtschuldeputation nicht die ultimative Forderung gestellt, ihr Elementarschulwesen „gehörig zu organisieren". Daraufhin stellte Konsistorialrat Keber der Stadtschuldeputation einen Organisationsplan für das Elementarschulwesen auf, der die sieben selbstständigen Schulen mit insgesamt 650 Schülern zu einer Elementarschule mit sieben Klassen zusammenfasste. Die Kinder sollten in zwei Ober-, zwei Mittel- und drei Unterklassen unterrichtet werden, und zwar bei einer Trennung der Geschlechter in den Oberklassen. Für die Knaben sah der Plan einen Unterricht vor, der auf das praktische Leben für spätere Handwerker und Gewerbetreibende ausgerichtet war. Für die Mädchen wurde der Handarbeitsunterricht eingeführt, um sie für ihre Aufgabe als Hausfrauen und Mütter vorzubereiten. Dieser Plan ist aber erst im Jahre 1814 verwirklicht worden. Vor allem machte die Raumfrage Schwierigkeiten; auch ging es bei den Auseinandersetzungen mit den bisherigen Schulhaltern nicht ganz reibungslos zu, weil sich der eine oder andere durch die Einstufung als zweiter oder dritter Lehrer in seiner Ehre gekränkt fühlte und in seinem Einkommen geschmälert sah. Die Stadtschuldeputation blieb darauf bedacht, so wenig wie nur möglich für ihr Schulwesen aufzuwenden, sollten doch die Kosten vorwiegend durch das Schulgeld der Kinder aufgebracht werden. Die Gehälter der Lehrer wurden nach den Klassen, in denen sie unterrichteten, abgestuft.

Für die beiden Oberlehrer Schneller und Klein waren je 300 Taler, für die Lehrer der Mittelklassen Hofheinz und Oberüber je 130 Taler 30 Gr. und für die drei Unterlehrer Säbel, Weller und Breitenberg je 96 Taler jährlich veranschlagt. Die Elementarschule befand sich im Gebäude der deutsch-reformierten Kirchschule, Gartenstraße 15.

Eine Neuregelung brachte das Jahr 1816. Am 1. Januar wurde die neustädtische Elementarschule in eine Mädchenschule umgewandelt und nach der Altstadt verlegt, während das alte Gebäude eine neue Elementarschule aufnahm. Nun wurde Kantor Hofheinz als erster Lehrer angestellt und mit der Leitung der vierklassigen Schule bei einem Gehalt von 210 Talern betraut. Mit der ersten Lehrerstelle war gleichzeitig das Kantorat an der Neustädtischen reformierten Kirche verbunden; ebenso hatte der Rektor an der späteren Bürgerschule dieses Amt an der Altstädtischen Kirche inne. Diese Personalunion führte zum Streit zwischen Magistrat und Regierung über das Besetzungsrecht der Stellen. Man einigte sich nach dem Tode von Hofheinz am 7. Mai 1847 schließlich dahin, daß der erste Lehrer an der Neustädtischen Schule von der Regierung gewählt und von der Stadtschuldeputation bestätigt werden sollte. Bei der Altstadt dagegen sollten die Zuständigkeiten von Magistrat und Regierung getauscht sein. Der Nachfolger des Verstorbenen, der 37 Jahre im Dienste der Stadt gewirkt hatte, war der Predigtamtskandidat Materne, bisher dritter Lehrer an der Bürgerschule. Da der erste Lehrer eine Dienstwohnung hatte, mußte er einen Teil der Wohnung an die Witwe und die Tochter seines Vorgängers abtreten. Doch sein Amt verwaltete er nur drei Jahre, da ihn der Minister am 1. Oktober 1850 zum ersten Lehrer an das Schullehrerseminar zu Eisleben berief. Die „interimistische" Verwaltung der ersten Lehrer- und Kantorstelle an der Neustädtischen Elementarschule übernahm der Predigtamtskandidat Salomon aus Heinrichswalde. Nach seiner endgültigen Anstellung stellte er bei der Stadtschuldeputation den Antrag auf Verleihung des Rektortitels, was jedoch abgelehnt worden ist. Zu dieser Zeit hatte die erste Klasse 8, die zweite Klasse 30, die dritte Klasse 35 und die vierte Klasse 104 Schüler. Um dieses Mißverhältnis auszugleichen, beantragte Salomon die Einrichtung eines dreistufigen Systems, das den psychologischen Entwicklungsstufen des Kindes — der Stufe der Anschauung, des vorherrschenden Gedächtnisses und des Verstandes und der Abstraktion — entsprechen würde. Sein Vorschlag wurde angenommen. Da die Schüler der ersten Klasse nach Geschlechtern getrennt wurden, blieben vier Klassen, an denen außer Salomon die Lehrer Hotop, Marold und Klein unterrichteten.

Der ständige Wechsel in der Leitung der ersten Elementarschule hatte schon 1855 die Frage auftauchen lassen, ob es ratsam sei, diese Stelle mit einem Theologen oder besser mit einem Philologen zu besetzen. Ein Magistratsbeschluss vom 08.11.1855 entschied sich für den Theologen, weil 1. der Unterschied zwischen einem Philologen und den Seminarikern zu groß wäre, 2. keine wissenschaftliche, sondern eine Erziehung für das bürgerliche Leben erreicht werden sollte, 3. der Religionsunterricht in der Elementarschule einen besonders großen Raum einnehmen sollte und 4. ein Wechsel als Vorteil angesehen wurde, da frische Kräfte dem natürlichen Erlahmen entgegenwirkten.

Am 1. März 1865 wurde der Predigtamtskandidat Matthes zum Leiter der Neustädtischen Elementarschule ernannt. Mit ihm wirkten die Lehrer Kreutzmann und Wolff und seit 1871 die Vertreterin Lind an der Schule. Zu jener Zeit forderte der Neustädtische Kirchenrat, dass die Schule die Bezeichnung „Reformierte Kantorschule'' oder „Kirchschule" führen solle. Die Stadtschuldeputation lehnte diese Forderung ab. Am 1. Juli 1874 folgte Matthes einem Ruf als zweiter Prediger nach Tapiau. Von diesem Zeitpunkt an verwaltete Lehrer Friedrich Olivier die Leiterstelle nebenamtlich für 9,— Mark monatlich.

Weil die vierte Klasse 1877 über 100 Schüler hatte, musste notgedrungen erwogen werden, diese Klasse zu teilen und eine fünfte Klasse einzurichten. Dazu fehlte aber der Raum. Da die Schulverhältnisse alles andere als ideal waren, traten bereits seit 1869 immer wieder neue Pläne für eine Reorganisation des Schulwesens in Gumbinnen auf. Zunächst plante man, zwei nach Geschlechtern getrennte Schulen einzurichten, indem die erste Elementarschule eine Mädchen- und die zweite Elementarschule eine Knabenschule werden sollte. Aus unbekannten Gründen scheiterte dieser Plan. Als nun aber in einem Revisionsbericht der Regierung vom 22.12.1879 die Einrichtung einer Doppelvolksschule mit einem Rektor an der Spitze bis zum 01.02.1880 gefordert wurde, entschloss sich die Stadtschuldeputation zum Neubau einer Schule mit mindestens zwölf Klassenräumen. Zunächst trat sie in Verhandlungen mit der Neustädtischen Kirchengemeinde ein, um den ihr gehörenden Teil des alten Schulgebäudes abzukaufen. Da dem Magistrat die gestellte Forderung unerfüllbar erschien, entschloss er sich zweckmäßigerweise zum Kauf des Wiesemannschen Scheunengrundstücks für 2.600 Mark und des Müllerschen Feldgartens für 2.100 Mark. Auf diesem Platze entstand nun in der neu angelegten Meelbeckstraße eine zehnklassige Doppel-Volksschule mit zwölf Klassenräumen und einer Rektorwohnung. Die Rektorstelle übernahm am 1. Juli 1881 der Mittelschullehrer Mathes Haekel aus Insterburg.

Nur etwa zehn bis zwölf Jahre hindurch genügten die Räumlichkeiten für den Schulbetrieb. Dann sah sich die Stadt bei ständig steigender Schülerzahl vor die Frage gestellt, die Schule entweder zu teilen oder weiter auszubauen. Zunächst mietete sie 1890 für den Rektor eine Wohnung im Grasowski'schen Hause und richtete in der Rektorwohnung Klassen ein. Doch auch dieser Behelf genügte bald nicht mehr. Deshalb entschloss sich die Stadt 1892, das neben dem Schulgarten liegende Ackerstück zu erwerben und ein weiteres zweistöckiges Gebäude mit zehn Klassen und einem Schulsaal zu bauen. Aber schon 1902 machte die fortgesetzt wachsende Schülerzahl eine Erweiterung des Hofgebäudes um vier Klassen notwendig.

An wichtigen Ereignissen aus dieser Zeit sind zu nennen die Aufhebung des Schulgeldes am 1. Oktober 1888 und die Einstellung der öffentlichen Prüfung von Ostern 1900 ab. Im Frühling 1904 wurde nördlich vom Hofgebäude ein botanischer Schulgarten eingerichtet.

Rektor Haekel folgte am 1. Oktober 1905 einem Rufe als Kreisschulinspektor nach Johannisburg. Für ihn übernahm am 1. Juli 1906 Rektor Petter die Leitung der inzwischen auf 24 Klassen angewachsenen Schule.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges trat die Hälfte der Lehrer in den Heeresdienst; der Unterricht musste stark gekürzt werden. Seit dem 14. August 1914 blieb die Schule infolge Näherrückens der Kampffront geschlossen. Während der Russenzeit war die Schule mit Militär belegt. Die Wohnungen des Rektors und des Schuldieners wurden ausgeplündert, alles Wertvolle wurde weggeschleppt, obwohl hier Offiziere wohnten; jedoch ist das Schulinventar verhältnismäßig wenig beschädigt worden.

Da der Mangel an Lehrkräften fortbestand, die Schüler sich aber nach der Neueröffnung (13. Januar 1915) bald vollzählig einfanden, mussten die Klassen zusammengelegt werden, so dass in der Regel über 100 Schüler in einer Klasse unterrichtet wurden. Von August bis Oktober 1915 belegte eine Etappeninspektion die Schule; die Unterrichtsräume wurden in Büros verwandelt. Der Unterricht konnte daher in dieser Zeit nur nachmittags in Norutschatschen dreimal wöchentlich abgehalten werden. Erst ab 3. November 1915 durfte die Schule ihre alten Räume wieder beziehen. In der Folgezeit hatten Schüler und Lehrer mannigfache Aufgaben, wie Sammlungen für Weihnachtsbescherungen, Laubsammlungen, Werbungen für die Kriegsanleihe. Als Rektor Fetter im November 1917 mit der vertretungsweisen Verwaltung der Kreisschulinspektion Heinrichswalde beauftragt worden war, übernahm Lyceallehrer Loebell die Leitung der Schule, zunächst nur vertretungsweise, im Jahre 1919 endgültig. Nach Kriegsende kehrten die Lehrer allmählich zu ihrer Berufsarbeit zurück; Lehrer Wilhelm Gropp allerdings erst im April 1921 nach siebenjähriger russischer Gefangenschaft. In der Inflationszeit hat die Schule ebenfalls sehr leiden müssen, so dass sie private Unterstützung zur Beschaffung ihrer Lehr- und Lernmittel zu Hilfe ziehen musste. Die von Rektor Loebell recht gründlich geführte Schulchronik berichtet von dem laufenden Wechsel im Lehrkörper, aber auch von zahlreichen Veranstaltungen der Schule.

Die Schülerzahl, die im Jahre 1905 auf 1306 angewachsen war, verringerte sich 1923, als durch eine Neugliederung der Schulbezirke ein Teil der Schüler der zweiten Gemeindeschule zugeführt wurde. Rektor Loebell, langjähriger Stadtverordneter und seit 1927 Magistratsmitglied, trat am 1. April 1932 nach Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand. Ihm folgte Rektor Dr. W. Schulz aus Königsberg.

Dieser Schule war eine Hilfsschulklasse für das gesamte Stadtgebiet angeschlossen.

 


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