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Cecilienschule (Staatliche Oberschule für Mädchen) - siehe auch -
 
Am Magazinplatz stand ein unscheinbares, nüchternes Häuschen mit der Hausnummer 5.

Wenn wir dieses alte, einstöckige Haus mit der späteren Cecilienschule und ihren breiten Wandelhallen und Fluren, ihren luftigen, hellen Räumen und reichen Sammlungen vergleichen, so trat uns der Anfangs- und Endpunkt einer über hundertjährigen Entwicklung vor Augen, Anfangs- und Endpunkt nicht nur der Entwicklung der Cecilienschule, sondern sinnbildlich des höheren Mädchenschulwesens der Provinz Ostpreußen überhaupt. Denn jenes dürftige Haus auf dem Magazinplatz barg die erste öffentliche Töchterschule Ostpreußens. Während jede Mittelstadt schon eine höhere Knabenschule hatte, gab es am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland nur elf öffentliche Mädchenschulen. Die zwölfte, in Ostpreußen die erste, war jene dürftige Schule, die am 15. Oktober 1810 in der linken Mietswohnung des Hauses Magazinplatz Nr. 5 eröffnet wurde. Sie bestand nur aus einer Klasse mit zwei Abteilungen und zusammen 41 Schülerinnen. Der einzige Lehrer war Kandidat Schneller. Die Schule war städtisch. Der eigentliche Gründer unserer Schule war der damalige Rektor der Friedrichsschule, Dr. Clemens, der Regierung und Magistrat von der Notwendigkeit einer öffentlichen „Mädchenschule für die gesitteten Stände" überzeugte.

Die Anfänge der Mädchenbildung in Gumbinnen waren äußerst dürftig. Trotzdem war es eine Tat, dass der Magistrat von Gumbinnen sich entschloss, sich auch um die Ausbildung der Mädchen zu kümmern, die bisher behördlicherseits so vernachlässigt worden war, wie ja überhaupt das spätere Aufblühen des höheren Mädchenschulwesens hauptsächlich der tatkräftigen Fürsorge der Städte zu danken ist. Es war eine Tat, denn die Zeit vor über 100 Jahren war recht schwer für Gumbinnen. Die Stadt hatte noch besonders unter den Lasten der französischen Besatzung zu leiden. 1812 zog Napoleon nach Russland. Das Gros nahm seinen Weg über Gumbinnen. Napoleon selbst wohnte mit seinem Stabe in dem späteren Gemeindehaus. Im Magazingebäude, also in bedenklicher Nähe der Schnellerschen Schule, wurde ein französisches Lazarett eingerichtet. Daher suchte der Magistrat nach einem neuen Schulraum. Auch stand das Haus am Magazinplatz damals noch ganz allein. Straßenpflaster war weit und breit nicht vorhanden, so dass die Schülerinnen bei schlechtem Wetter durch Schlamm wateten. Die Schule wurde darauf in dem späteren Brenkeschen Grundstück bei einer Demoiselle Lutterkorth einquartiert. 1817 kaufte die Stadt für die Töchterschule das Propst- und Pfarrwitwengrundstück, die spätere Dammschule, damals noch ein einstöckiger Bau mit zwei Giebelstuben. Das Schicksal der Schule in den nächsten hundert Jahren, von 1817—1921, wurde von vier hochverdienten Männern bestimmt, die sie in zäher Arbeit aus kleinen Anfängen zu einem großen Schulsystem entwickelt hatten. Es waren dies Rektor Klein (1817—1851), Rektor Leipold (1851—1882), Rektor Dr. Rademacher (1882—1893) und der verehrte Studiendirektor Bartetzky (1893—1921), dessen Jahresberichten die Kenntnis von der Geschichte und der Entwicklung der Cecilienschule zu verdanken ist. Von 1921 bis 1923 wurde die Anstalt geleitet von Studiendirektor Wilhelm, nach dessen Pensionierung von Studienrat Koenig und von 1926 bis 1945 von Oberstudiendirektor Dr. Bock.

In dieser Zeit stieg die Zahl der Klassen bis auf zeitweise 20. Der Handarbeits¬unterricht, damals Industrieunterricht genannt, wurde eingeführt; daher hieß die Anstalt unter Rektor Klein „Industrieschule". Die neueren Sprachen wurden Pflichtfächer. Seit etwa 1855 bestanden alljährlich eine Anzahl von Schülerinnen die Lehrerinnenprüfung vor einer Prüfungskommission in Gumbinnen. 1904 siedelte die Schule unter Studiendirektor Bartetzky in das alte Haus der Realschule, Kirchenstraße 7, über, das aber bald auch nicht mehr ausreichte, so dass ein Teil der Schule wieder in der Dammschule Unterkunft suchen musste, besonders nachdem 1909 die Rölling-Schönsche Privatschule mit der Cecilienschule verschmolzen wurde. Auf Grund der Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens vom Jahre 1908 wurde die Anstalt dem Provinzialschulkollegium in Königsberg unterstellt (1910). Die Schulreform von 1923 verlangte die Akademisierung des Lehrkörpers, die 1925/26 durchgeführt wurde, so dass die Anstalt zu Ostern 1926 die Berechtigung zur Verleihung der Obersekundareife erhielt. Die Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Anstalt zur Vollanstalt war ein Neubau, der schon seit 1870 ein immer wieder auftretender Wunsch von Eltern und Lehrern gewesen war. 1910 wurde endlich der Czibulinskische Garten als Bauplatz von der Stadt gekauft und 1912 der Neubau von den städtischen Körperschaften beschlossen. Aber erst 1930 gelang es den Bemühungen des Ersten Bürgermeisters Schön, den Neubau durchzusetzen, so daß er unter Leitung von Bürgermeister und Stadtbaurat Tismar im Herbst begonnen werden konnte.

Zu Ostern 1931 wurde das neue, prachtvolle Heim bezogen, am 16. November eingeweiht und dem Staate übergeben. Die Cecilienschule wurde damit staatliche höhere Lehranstalt. Schon zu Ostern 1930 konnte die Obersekunda aufgebaut und zu Ostern 1933 die 1. Reifeprüfung an dem neuen Oberlyzeum stattfinden.

Die Cecilienschule war bis zuletzt die modernste Oberschule für Mädchen im Osten, und bis heute findet man auch in der Bundesrepublik selten etwas Ähnliches: Große Wandelhallen in jedem Stockwerk mit gemeinsamer Kleiderablage für alle Klassen, helle Aula mit Schulbühne und Orgel, eigenes Bootshaus, großer Garten mit alten Bäumen an Stelle eines nüchternen Schulhofes. Der Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern wurde durch Oberstudienrat Bach ganz auf Arbeitsunterricht eingestellt, d. h. neben den üblichen Hörsälen mit dem Demonstrationsgerät gab es Schülerübungsräume für Physik, Chemie, Biologie und Fotografie mit Schülerübungsgerät in je 10 Sätzen, so dass die ganze Klasse gleichzeitig ihre Apparaturen selbst zusammenbauen und die Experimente eigenhändig durchführen konnte. Jeder Arbeitsplatz war mit Wasser- und Gasanschluss sowie einer elektrischen Schalttafel versehen. Nach der Einrichtung des „hauswirtschaftlichen Zweiges" traten noch hinzu: 2 Nadelarbeitsräume mit 10 Nähmaschinen, eine große Schulküche mit 8 Herden, eine Waschküche, ein Plättraum, ein Raum für hauswirtschaftliche Arbeiten und ein Webraum mit großem Webstuhl. Neben dem geräumigen Zeichensaal lag ein Vorführungsraum mit Epidiaskop und Schmalfilmgerät. Es ist bitter für uns, dass diese mustergültigen, mit solcher Liebe für die Ausbildung unserer Mädchen geschaffenen wertvollen Einrichtungen heute vernichtet sind.
(Dr. Bock)

Wir sind auch hier bei dem kürzeren Text von O. Gebauer geblieben, da die Spezial-Abhandlung von Dr. E. Bock „150 Jahre Cecilienschule Gumbinnen (1810—1960)", Bielefeld 1960, besteht.