Städt. Berufs- und Berufsfachschulen - siehe auch -
(Quelle: Gumbinnen von Dr. Grenz)
 
Die Städt. Berufs- und Berufsfachschulen waren in dem im Jahre 1877 als Norutschatscher Schule erbauten Schulgebäude Schulstraße 22, das danach die „Zweite Gemeindeschule" beherbergt hatte, und in der Mietschule Schillerstraße 17 unterge­bracht.
 
Die Berufsschule bezog das Hauptgebäude Schulstraße 22 im Jahre 1931, nach­dem sie bis dahin in den Räumen der Volksschule Meelbeckstraße Gast gewesen war. Im Hauptgebäude, Schulstraße 22, befanden sich 4 Klassenräume, 1 Schreibmaschi­nenraum, 1 Nadelarbeitsraum, 1 Säuglingspflegeraum, 1 Raum für hauswirtschaft­liche Arbeiten, 1 Lehrmittelraum, 1 Büchereiraum (Schülerbücherei), 1 Lehrerzimmer (mit Vorraum für Lehrerbücherei), 1 Direktor-Dienstzimmer und die Hausmeister­wohnung. Im Nebengebäude Schillerstraße 17 benutzte die Schule 2 Klassenräume. Außerdem stand der Berufs- und Berufsfachschule für den Kochunterricht die Lehrküche des Überlandwerks Gumbinnen in dessen Gebäude Gartenstraße zur Ver­fügung.
 
In diesen Räumen, die sich in drei zum Teil weit voneinander entfernt liegenden Gebäuden befanden, unterrichteten fachlich und pädagogisch gut ausgebildete Ge­werbelehrer und Diplom-Handelslehrer, daneben einige nebenamtliche und nebenbe­rufliche Lehrkräfte, rund 1.500—1.600 Berufsschüler und rund 70 Berufsfachschüler. Ein moderner Schulneubau war wegen der schwierigen Raumverhältnisse notwendig. Neben dem Sportplatz am Sodeiker Tor wurde im Jahre 1939 ein neues Schulgebäude im Rohbau fertiggestellt, das infolge des Zweiten Weltkrieges nicht mehr bezogen wurde. Es enthielt rund 20 Klassen- und Fachräume, 8 Lehrmittelräume, 2 Lehr­küchen, 1 Schülerbücherei, 1 Lehrerbücherei, 1 Aula, 1 Metallwerkstatt, 1 Holzwerk­statt und weitere Sonderräume, dazu 1 Direktordienstzimmer mit Vorzimmer als Schulbüro, 1 Dienstzimmer für den Direktorstellvertreter und eine Hausmeister­wohnung. Die Möglichkeit, diesen Bau durch Anbauten zu erweitern, war gegeben.
 
Die Voraussetzungen für einen weiteren inneren Ausbau der Berufs- und Be­rufsfachschule waren damit geschaffen.
 
Die Städtische Berufsschule 
 
Der Anfang einer beruflichen Schulung geht im Kreise Gumbinnen auf das Jahr 1886 zurück. Durch die Initiative des Handwerks wurde mit Hilfe der Innungen den Lehrlingen neben ihrer handwerklich-praktischen Ausbildung zusätzlich Unter­richt in den Fächern Deutsch, Rechnen und Zeichnen erteilt. Aus diesen bescheidenen Anfängen einer Fortbildungsschule entwickelte sich in wenigen Jahrzehnten eine Schulform, welche auch heute nicht nur einen wesentlichen Teil in der Gesamtord­nung der Berufsausbildung darstellt, sondern zugleich ein Glied unseres Schulwesens ist, das sich an die allgemeinbildenden Schulen anschließt und zu seinem Teil auch die Erziehungsaufgaben dieser Schulen fortzusetzen hat. 

Nach 1920 wurde die Idee, den heranwachsenden Jugendlichen auf der Grund­lage seines Berufes zu bilden und staatsbürgerlich zu erziehen, zum Ausgangspunkt einer neuen Phase in der Entwicklung des berufsbildenden Schulwesens. Es entstand die Berufsschule. Die grundlegenden Reformbestrebungen jener Zeit konnten aber nur verwirklicht werden, wenn es gelang, für jeden Beruf nach Lehrjahren gegliederte Fachklassen einzurichten.
 
Die Voraussetzungen hierfür waren in Gumbinnen weitestgehend gegeben und wurden soweit wie irgend möglich ausgewertet. Die Berufsschule Gumbinnen umfasste eine gewerbliche, kaufmännische und hauswirtschaftliche Abteilung und eine Abtei­lung für ungelernte jugendliche Arbeiter. Die Klassenbildung innerhalb dieser Abtei­lungen war infolge der ausreichenden Schülerzahlen weitestgehend nach den verschie­denen Berufen durchgeführt, und die Beschulung erfolgte entsprechend der allgemei­nen dreijährigen Lehrzeit in drei aufeinander aufbauenden Fachklassen, gegebenen­falls mit Parallelklassen. Innerhalb der genannten Abteilungen bestanden an der Berufsschule Gumbinnen z. B. Klassen für Lehrlinge des Schlosser-, Klempner-, Mau­rer-, Zimmerer-, Schlachter-, Bäcker-, Friseurhandwerks usw. oder z. B. für Telegraphenbauhandwerkerlehrlinge, Einzelhandelslehrlinge, Banklehrlinge. Die Einrich­tung von Fachklassen nahm laufend zu, da man zur Verbesserung der Berufsausbildung auch Lehrlinge aus benachbarten kleineren Städten in der Gumbinner Schule zusammenfasste. Je Klasse wurden wöchentlich 6 Unterrichtsstunden erteilt.
 
Die Städtische Berufsfachschule 
 
Neben der Berufsschule (berufsbegleitenden Schule) bestand in Gumbinnen eine Berufsfachschule — zweijährige Handelsschule —, die ihres Charakters und ihrer pädagogischen Zielsetzung wegen zu den berufsvorbereitenden Schulen zählte.
 
Unter dem Einfluss des ständig wachsenden Bedarfs der Wirtschaft an besonders qualifizierten Nachwuchskräften wurde Ostern 1935 die zweijährige Handelsschule in Gumbinnen gegründet. Das Bildungsziel dieser Schule war, den Jugendlichen, die eine abgeschlossene Volksschul- oder gleichwertige Bildung vorweisen und eine Auf­nahmeprüfung bestehen mussten, eine den Bedürfnissen der Wirtschaft und der Ver­waltung angepasste Grundausbildung auf der Grundlage einer erweiterten und ver­tieften Allgemeinbildung zu geben.
 
Entsprechend diesem Bildungsziel waren die Unterrichtsfächer Deutsch, Staats­bürgerkunde, Erdkunde, Englisch, Betriebswirtschaftslehre mit Schriftverkehr, Rech­nen, Buchführung, Kurzschrift, Maschinenschreiben, Hauswirtschaft.
 
In welchem Umfang das Bildungsziel erreicht wurde, hing in hohem Grade von den Vorkenntnissen, der Bildungsfähigkeit und dem Bildungswillen der Schüler ab. Die Frage der Auslese geeigneter Schüler war deshalb von besonderer Bedeutung.
 
Alljährlich wurden zu Ostern Schülerinnen und Schüler für eine Klasse aufge­nommen, so dass die zweijährige Handelsschule ab 1936 mit 2 Klassen lief. Die Un­terrichtsstundenzahl betrug 32 Wochenstunden. Nach der am Ende des zweijährigen Schulbesuchs mit Erfolg abgelegten Abschlussprüfung erhielten die Schüler das „Zeugnis der Mittleren Reife". Sie traten in Wirtschaftsbetriebe ein — Mädchen in der Haupt­sache als Anfängerinnen, Jungen als Lehrlinge mit im allgemeinen verkürzter Lehr­zeit — oder gingen in den gehobenen Verwaltungsdienst bei Behörden.
 
Die Gumbinner Städtische zweijährige Handelsschule genoss den Ruf, ein um­fangreiches und gründliches Wissen zu vermitteln. Ihre Absolventen waren in Handel, Industrie und Verwaltung begehrte Nachwuchskräfte.
 
Wenn die Arbeit der Berufs- und Berufsfachschule auf die Dauer erfolgreich sein sollte, musste die Schule in laufender Verbindung mit der Praxis stehen. Die Schule war deshalb auf eine enge Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer, der Han­delskammer, den Innungen und Berufsverbänden bedacht. Lehrkräfte arbeiteten von Zeit zu Zeit in anerkannten Branchenbetrieben, um ihre Kenntnisse zu ergänzen und zu vertiefen. Sie stellten sich auf Wunsch der Innungen und Verbände zu Vorträgen, Ausspracheabenden und zur Leitung von Sonderkursen zur Verfügung. Anregungen zur Besichtigung von Werken und Betrieben wurden von der Schule gern aufgenom­men. Am deutlichsten dokumentierte sich die enge Zusammenarbeit mit der Praxis bei den Gesellen- und Gehilfenprüfungen.
 
Welch entscheidenden Beitrag die Berufs- und Berufsfachschule der Stadt Gum­binnen zur Gesamtaufgabe unseres Schulwesens zu leisten hatte, geht aus der Tat­sache hervor, dass in ihr wie auch in anderen Berufs- und Berufsfachschulen rund 90 Prozent der Jugendlichen nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schulen zusammengeführt waren.

 

 


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